Peter Piller
different degrees of completeness
September 11 – November 6, 2021

Ausstellung: 11. September – 6. November 2021
Eröffnung: Samstag, 11. September, 12–18 Uhr

Gallery Weekend *Discoveries
Preview Days: 15. – 16. September, 11– 19 Uhr
Public Days: 17. – 18. September, 11– 19 Uhr

Galerie Barbara Wien präsentiert ihre sechste Einzelausstellung mit Peter Piller. In different degrees of completeness zeigt Piller neue eigene Fotografien, gefundene Bilder und Zeichnungen zu einem Thema, das ihn besonders seit seinen Studien zu prähistorischer Kunst interessiert: Wie verändert die Beschäftigung mit steinzeitlicher Kunst seinen Blick auf die Alltagswelt. Piller bereist seit Jahren die frühzeitlichen Höhlen in Frankreich und Spanien, verbringt Zeit in Fachbibliotheken und scannt Abbildungen aus der Spezialliteratur. Vergrößerte Reproduktionen dieser Funde setzt er zu seinen eigenen Fotos ins Verhältnis. Zur Ausstellung haben wir mit Peter Piller ein Gespräch geführt.

Das Höhlen-Thema bzw. die Höhlenmalerei beschäftigen dich seit längerem. Wie und wann wurde dein Interesse geweckt und inwiefern beeinflussen die Höhlenbilder deinen Blick auf andere Bilder, auch auf dein Archiv, deine Fotos und Zeichnungen?
geweckt wurde mein interesse noch im alten jahrtausend während des studiums. auf der suche nach zeichnungen, die mit meiner art zu zeichnen verwandt sind, stieß ich in einer bibliothek auf ein buch, in dem sich befand, was auf den wänden einer höhle zu sehen ist und da war alles abgezeichnet, also nicht nur die perfekt wiedergegebenen umrisslinien verschiedener tiere, wie das bekannt ist aus lascaux, altamira usw., sondern auch jede menge anderer linien, die wie suchend erschienen oder als spuren einer handlung. diese linien werden in der forschung als „unbestimmte linien“ bezeichnet, ganz zu beginn sogar als „parasitäre linien“.
Du meinst, die Zeichnungen in dem Buch waren eher wie freie Gedächtnisbilder, gar nicht so stark darauf angelegt etwas Sichtbares abzubilden, sondern auch im Kontext von Zeichnen als Handlung zu verstehen, ähnlich zu deinen Zeichnungen, die deinen Alltag und deine Arbeit begleiten. Das ist ein schöner Vergleich, besonders die „unbestimmten Linien“! Das Thema beschäftigt dich also seit langem – wie ging es weiter?
1999 habe ich eine erste reise nach südfrankreich unternommen und mir einige höhlen angesehen und vor ungefähr vier jahren wurde das interesse an anderer stelle erneut geweckt und inzwischen habe ich knapp 30 höhlen, auch in spanien und portugal, besucht und einige meter literatur angeschafft, mit wissenschaftlern gesprochen und fachbibliotheken besucht. je mehr ich gelesen habe, desto mehr fragen stellen sich: gut so!
Deine erste Ausstellung, in der das Höhlen-Thema explizit eine Rolle spielte, war vor zwei Jahren (Geduld bei Capitain Petzel, Berlin). Du hast Fotos aus der Fachliteratur mit Zeichnungen und Bildern aus deinem Archiv in Verbindung gebracht, wobei Letztere Bilder aus Zeitungen, Magazinen und Büchern waren, die thematisch erstmal nichts mit der Höhlenkunst zu tun haben.
mich interessiert die interaktion zwischen den von mir ausgewählten bildern. es ist der versuch, dinge zusammenzuführen und dabei fragen aufzuwerfen, die manchmal zu brauchbaren antworten führen. wenn mich etwas wirklich interessiert, ob das ornithologie ist oder die begeisterung für einen guten roman, den ich lese, also wenn es begeisterung ist und nicht nur interesse, dann nehme ich das überall hin mit. im grunde hat alles bei mir, in meinem sehen seit ein paar jahren mit höhlen zu tun, da alles auch angeschaut wird im hinblick darauf, wie es mit dieser rätselhaften prähistorischen kunst kommunizieren könnte, die wir ja niemals verstehen werden, sondern über die wir immer nur mutmaßen können. das finde ich herausfordernd und gegenwartsrelevant: vorsichtige vermutungen, erkenntnis durch hervortasten und selbstbefragung statt klare, vom kopf diktierte verstandes-durchsagen.
in der aktuellen ausstellung liegt der fokus auf den fotos, die ich in den letzten drei jahren, manchmal auf reisen, aber meistens im alltag gemacht habe. denn ich habe mir das angeschaut und gesehen, dass meinem fotografischen blick und meinem in der welt sein diese beschäftigung mit prähistorischer kunst anzusehen ist, obwohl ich das nicht bewusst gemacht oder gewollt habe. meine intuition ist meistens klüger als mein planvolles handeln.

Ist deine Arbeit zum Teil als eine wissenschaftliche zu verstehen?
ich habe nicht den anspruch, irgendeinen beitrag zur wissenschaftlichen diskussion liefern zu müssen, glaube aber inzwischen ein paar angebote zum verständnis machen zu können. wissenschaftlern ist es völlig fremd und manchmal sogar ein ärgernis, bilder als bilder zu verwenden oder einzelne bilder wie bausteine, ohne jeden hinweis auf die herkunft oder bedeutung der jeweiligen bilder.
für mich ist das ganze aber auch eine persönliche angelegenheit. mit allem forschen erforsche ich mich selbst und frage immer, was soll das, wozu ist das da? was hat das mit mir und meinem leben zu tun? genau dafür habe ich ja meinen beruf gewählt. und das ganze ist auch eine kunstbefragung, weil ich denke, dass prähistorische kunst ein paar antworten auf gegenwärtige fragestellungen in der kunst anbieten kann, aber da wird es auch schon kompliziert und unseriös, wenn man so verallgemeinernd von ganz verschiedenen orten und vor allem über zeiträume von 20.000 jahren und mehr spricht. allein prähistorisch: wenn man im ansatz verstehen will, was das ist, dann sollte man sich die zeit nehmen, sich einmal zeiträume vorzustellen oder die umstände etwas zu begreifen, unter denen menschliche gesellschaften von nomaden, also vor der sesshaftigkeit, lebten. jede höhle, die ich besucht habe, hat ihre eigene geschichte und ihren eigenen charakter.

Deine Arbeit, Fotos und Zeichnungen, dein Bildarchiv und deine Ausstellungen bilden eine gute Vorlage für Vermutungen, zumal Bilder immer mehr im Unklaren lassen als Texte, ob nun wissenschaftliche oder literarische. Der Titel deiner Ausstellung hier, different degrees of completeness, beschreibt das Dilemma – oder besser, die Freude – des Unabgeschlossenen, des Verstehen-wollens, des Weitermachens und Beweglich-bleibens recht gut, oder?
mein sammeln war nie angelegt auf vollständigkeit. das unabgeschlossene vervollständigen ist lebhafter, aktiver, es lässt irrtümer und widersprüche zu. wenn wir hier sprechen, ist das ja auch alles unvollständig, stückwerk, guter wille und hat im grunde wenig mit den aus unterschiedlichen quellen gespeisten impulsen zu tun, die einen antreiben, überhaupt etwas zu tun, von dem immer unklar ist, ob es zu etwas führt. ich sehe mir an, was ich fotografiert habe, indem ich mit der kamera auf eine situation reagiert habe oder lege funde aus bibliotheken nebeneinander, von denen ich manchmal nicht mehr weiß, was die bilder überhaupt darstellen und dann höre ich zu, ob ich zeuge eines gesprächs werde.

Peter Piller (* 1968 in Fritzlar) lebt und arbeitet in Hamburg. Aktuell hat er zwei Einzelausstellungen in der Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen: Peter Piller – Richard Prince läuft bis 31. Oktober; die zweite Ausstellung zu seinen Künstlerbüchern läuft bis 14. November. Bis Ende Oktober ist die Gruppenausstellung Trautes Heim, Allein mit ausgewählten Arbeiten von Piller im Schloss Kummerow zu sehen.
Zuletzt hatte er Einzelausstellungen u.a. bei Florence Loewy, Paris (2020); in der Staatlichen Graphischen Sammlung München/Pinakothek der Moderne, München (2019); im Museum Schloss Morsbroich, Leverkusen (2018); Mies van der Rohe Haus, Berlin (2018); Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg (2017, mit Jochen Lempert); Kunst Haus Wien (2016); in der Städtischen Galerie, Nordhorn und Kunsthalle Nürnberg (2015); im Fotomuseum Winterthur und Centre de la photographie, Genf (2014).
Piller nahm an etlichen Gruppenausstellungen teil, zuletzt u.a. in der Kunsthalle Düsseldorf (2020); an der Triennale der Photograpie, Hamburger Kunsthalle, Hamburg; Haubrok Foundation, Fahrbereitschaft, Berlin (beide 2018); im Kunstmuseum Bonn; an der 11. Shanghai Biennale; im Walker Art Center, Minneapolis und in der Fondazione Prada, Mailand (alle 2016). Von 2006 bis 2018 lehrte er als Professor für Fotografie im Feld der zeitgenössischen Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig; seit 2018 ist er Professor für Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf.

Exhibition: September 11 – November 6, 2021
Opening: Saturday, September 11, 12–6 pm

Coinciding with Gallery Weekend *Discoveries
Preview Days: September 15–16, 11 am – 7 pm
Public Days: September 17–18, 11 am – 7 pm

Galerie Barbara Wien presents its sixth solo exhibition with Peter Piller, entitled different degrees of completeness. Piller shows new own photographs, found images and drawings on a topic that‘s interested him since his studies on prehistoric art: How does engaging with Stone Age art change his view onto the everyday world? For years Piller has been exploring the ancient caves in France and Spain, spending time in specialist libraries and scanning illustrations from specialist literature. Here, he juxtaposes magnified reproductions of these finds with his own photographs. For the exhibition, we had a conversation with Peter Piller.

You’ve been engaged with the cave topic, and cave painting, for a long time now. How and when was your interest aroused? And to what extent does it influence the way you view other images, also your archive, your photos, and drawings?
my interest was aroused in the old millennium when i was studying. whilst looking for drawings related to my style of drawing, i came across a book in a library which depicted what could be seen on the walls of a cave. and everything was drawn – not only the perfectly rendered outlines of various animals, as is famous from lascaux, altamira etc., but also a host of other lines that appeared as if they were searching or as traces of an action. research calls these lines “indeterminate lines”, or at the very beginning, they were known as “parasite lines”.
You mean to say the drawings in the book were rather free memory images, not so much designed to depict something visible but rather to be understood in the context of drawing as action, like your drawings that are part of your everyday life and work. That’s a nice comparison, especially the “indeterminate lines”! So, you’ve been engaged with the topic for a long time now, how did it evolve?
in 1999, i went to the south of france for the first time to look at some caves. about four years ago, my interest was rekindled from elsewhere and in the meantime i’ve visited almost 30 caves – also in spain and portugal. since then, i’ve also acquired several metres of literature, spoken to scientists, and visited specialist libraries. the more i read, the more questions arise – that’s it!
Your first exhibition in which the cave theme played an explicit role was two years ago (Geduld at Capitain Petzel, Berlin). There you brought together photos from specialist literature with drawings and images from your archive – the latter being pictures from newspapers, magazines and books that initially had nothing to do with the topic of cave art.
i’m interested in the interaction between the images i choose. it’s an attempt to bring things together, and in doing so, prompt questions that sometimes lead to useful answers. if something really interests me, whether it’s ornithology or enthusiasm for a good novel i’m reading… in other words, if it’s enthusiasm, and not just interest, then i carry that with me wherever i go. basically, over the past few years, everything i see is to do with caves. and it’s because everything is also being looked at regarding its possible communication with this enigmatic prehistoric art which we will never understand; we can only speculate about it. i find this challenging and relevant to the present: cautious assumptions, insight through delving into and questioning oneself instead of clear mentally dictated announcements.
in the current exhibition, the focus lies on the photos i’ve taken over the last three years, sometimes whilst travelling, but mostly during everyday life. this is because i looked at them and saw that my photographic gaze, and my being in the world, shows this preoccupation with prehistoric art, even though i didn’t want to or haven’t done it consciously. usually, my intuition is wiser than my planned action.

Is your work partly to be understood as something scientific?
i am not claiming to make any contribution to the scientific discussion, but in the meantime i believe i can make a few suggestions for a better understanding. it is completely alien to scientists, and sometimes even a nuisance, to use images as images or individual images like building blocks, without any reference to the origin or meaning of the respective images.
for me, however, the whole thing is also a personal matter. with all research, i probe myself and always ask: what’s the point? what’s it for? what does it have to do with me and my life? that’s exactly the reason i chose my profession. and the whole thing also questions art, because i think prehistoric art can offer a few answers to contemporary issues in art. but that’s where it gets complicated and dubious – when you talk in such a generalised way about very different places, and especially about periods spanning 20,000 years and more. on a prehistoric level alone: if you want to understand to an extent what that is, you should take time to imagine periods of time, or try to understand the circumstances in which nomadic human communities lived before settling down. every cave i’ve visited has its own history and character.

Your work, photos and drawings, your picture archive and your exhibitions form a good template for conjectures, especially since pictures always keep us more in the dark than texts, whether scientific or literary. The title of your exhibition here different degrees of completeness, describes the dilemma – or better still, joy – of the incomplete, of wanting to understand, of continuing and remaining versatile quite well, doesn’t it?
my collecting was never intended to be complete. unfinished completeness is more lively, more active; it allows for errors and contradictions. when we talk here, it is all incomplete, piecemeal, good will, and effectively has little to do with the impulses fed from different sources which propel one to even do something in the first place, even though it is always unclear whether it will lead to anything. i look at what i’ve photographed – what situations i’ve reacted to with a camera – or i place findings from libraries next to each other, of which sometimes i no longer know what the images even represent, and then i listen to see if i am witnessing a conversation.

Peter Piller (* 1968 in Fritzlar, Germany) lives and works in Hamburg. Currently, he has two solo exhibitions at the Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen: the main exhibition, Peter Piller – Richard Prince, runs until October 31; the cabinet exhibition focuses on his artist‘s books and will be open until November 14. The group show Sweet Home, Alone at Schloss Kummerow includes selected works by Piller, running until the end of October.
His recent solo exhibitions include Florence Loewy, Paris (2020); Staatliche Graphische Sammlung München/Pinakothek der Moderne, Munich (2019); Museum Schloss Morsbroich, Leverkusen (2018); Mies van der Rohe Haus, Berlin (2018); Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg (2017, with Jochen Lempert); Kunst Haus Wien, Vienna (2016); Städtische Galerie, Nordhorn and Kunsthalle Nuremburg (2015); Fotomuseum Winterthur and Centre de la photographie, Geneva (2014), amongst others.
He has participated in several group exhibitions, including: Kunsthalle Düsseldorf (2020); Triennial of Photography, Hamburger Kunsthalle, Hamburg; Haubrok Foundation, Fahrbereitschaft, Berlin (both 2018); Kunstmuseum Bonn; 11th Shanghai Biennale; Walker Art Center, Minneapolis and Fondazione Prada, Milan (all 2016). From 2006 to 2018 he taught as Professor of Photography in the department of contemporary art at the University for Graphics and Book Art in Leipzig; since 2018 he has been teaching as Professor of Freie Kunst at the Kunstakademie Düsseldorf.